Liebe Leserinnen und Leser,

unsere Tochter hatte von ihrer Patin zum Geburtstag einen kleinen Webrahmen geschenkt bekommen. Zwischen den eingespannten Fäden wandert das kleine Schiffchen mit bunter Wolle nur so hin und her. Es ist ein wunderbares Spiel für Kinder, das nicht nur die Konzentration fördert, sondern auch die Geduld belohnt: ein buntes Gewebe entsteht. Wenn es fertig ist, wird es vielleicht im Puppenhaus als Teppich Verwendung finden oder auf dem Küchentisch als Topfuntersetzer in Gebrauch kommen.

Das Weberhandwerk gehört nach Holz- und Steinbearbeitung zu den ältesten der Menschheit. Seit etwa 32.000 Jahren lässt es sich nachweisen. Älteste bisher bekannte textile Überreste stammen aus dem Kaukasus, wo Flachs- und Brennnesselfasern verwendet wurden.

Die Menschen brauchten zuerst wärmende und schützende Kleidung, aber auch Textilien, die das Wohnen angenehmer machten. Immer mehr verfeinerte sich das Handwerk und die Webarbeiten bekamen auch eine dekorative Funktion oder drückten durch eine bestimmte Farbgebung oder Musterung eine Zugehörigkeit zu einer Gruppe aus: Die Fäden werden miteinander verknüpft, die Muster fein aufeinander abgestimmt, eine fest gefügte, aber doch bewegliche Fläche entsteht, die in der Lage ist, Kälte, Wasser, aber auch Hitze vom Menschen abzuhalten.

Womöglich hatte Martin Luther eben jene Bilder vor Augen, als er die Verse aus der Apostelgeschichte übersetzte, in denen der Apostel Paulus den Menschen in Athen predigt:

Gott ist nicht ferne
von einem jeden
unter uns.
Denn in ihm leben,
weben und sind wir. 

Apostelgeschichte 17,27-28

 

Paulus, gelernter Zeltmacher aus dem kilikischen Tarsus, beschreibt das Wesen Gottes, das anders ist als die Griechen sich

ihre Götter vorstellten. Während sie ihre

Götter auf dem Olymp glaubten, sie in den vielen Tempeln Athens anbeteten und auf

den Altären der Stadt verehrten, teilt Paulus seine Erfahrung, dass Gott nicht fern,

sondern nahe ist – in unserem Alltag,

als Begleiter auf unseren Wegen;

er ist mit unserer Geschichte verwoben, wir sind mit ihm in Bewegung.

Daher kann Gott auch nicht in einer unbeweglichen Statue verehrt werden, weil er lebendige Beziehung zu uns ist. Er ist ein nahbarer Gott.

 

Weiterhin predigte Paulus den Griechen Jesus aus Nazareth: Seine Geschichte ist

mit der unseren verstrickt. Wie ein Faden durchzieht sein Handeln das Leben von Menschen und setzt es wieder in Beziehung. Das menschliche Einerlei erhält göttlichen Schimmer: Lebenssinn, Frieden für die Seele, Hoffnung im Tod.

In Gott zu leben, mit ihm fest verbunden

zu sein wie die Fäden in einem Webstuhl, schenkt uns nicht nur Halt im Leben, sondern auch eine gewisse Widerstandskraft für Situationen, die auf uns einwirken.

 

Eine gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Dorothea Schanz