Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt Dinge, die stehen fest, die weiß ich als Fakten: Geschichtsdaten zum Beispiel oder die Geburtstage in meiner Familie. Die stehen im Kalender und ich habe sie mir auch ins Gedächtnis eingeschrieben.

Wissen kann ich abrufen, nachlesen und weitergeben. Wissen kann ich erweitern und meine Kenntnisse verfeinern, wie beim Erwerb einer Sprache, die ich bei einer Reise brauche. Solch ein Wissen wird mir zum Nutzen. Es ist mir und vielen anderen verfügbar, mit denen ich mich verständige.

Aber manchmal hilft mir mein verfügbares Wissen nur bedingt weiter: viele Lehr- und Ratgeberbücher und gute Medizin können mir in Krisen und Krankheit nicht die Angst vor meiner Endlichkeit aus dem Leben streichen. Sie können partiell helfen, Verbesserung bringen, Linderung geben. Aber ich bleibe angewiesen darauf, dass jemand mich in meiner Situation auffängt, mir seine Zuneigung zeigt und mein Vertrauen stärkt. Denn das erfahre ich in meinem Leben auch: Ich habe nicht alles in meiner Hand. Vieles – Liebe, Glück, Gesundheit, Lebensmut – bleibt mir unverfügbar.

Die Jahreslosung für 2020 ist einer Heilungsgeschichte aus dem Neuen Testament entnommen. Ein Vater bringt seinen kranken Jungen zu Jesus, nachdem er schon vieles versucht hatte, eine Heilung zu erwirken. Aber vergebens. Die Symptome deuten auf Epilepsie. Der Junge wird gebeutelt von der Krankheit, er erstarrt in seinen Anfällen, sein Sprach-zentrum ist in Mitleidenschaft gezogen.

„Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“,

schleudert der hilflose Mann Jesus  entgegen. Er leidet mit seinem Kind mit. Alles verfügbare Wissen, alle fachliche Kenntnis haben hier nicht weiter geholfen. Nun will er es noch einmal wagen bei diesem Gottesmann, auch wenn Zweifel seinen Glauben anfechten.

Immerhin wagt er einen Schritt heraus aus seiner eigenen Hilflosigkeit. Er weiß nicht, ob sein Glaube tragen kann. Doch Jesus erhört ihn und nimmt sich seines Sohnes an und stärkt das kleine Fünkchen Glaube des Vaters.  

Der Mann spricht vielen von uns aus der Seele. Wo Glaube ist, hakt sich der Un-glaube mit unter. Wir können ihn nicht abschütteln, er hängt uns nun mal an.  

Damit Glauben wachsen kann, braucht es ermutigende Erfahrungen, stärkende Gemeinschaft und Texte und Traditionen, an die ich mich anlehnen kann. Und es braucht das göttliche Gegenüber, das unsere Bedenken mit seiner Gnade überwindet.

Ich bin froh, dass es in der Bibel nicht nur die stolzen Helden gibt, die vor Glauben nur so strotzen. Menschen, die ihren Glauben zum verfügbaren Wissen gemacht haben. Sondern es sind Menschen wie du und ich, die Liebe, Gesundheit, Lebensglück als Geschenk erfahren und dem unverfügbaren Gott ihren kleinen Glauben hinwerfen, damit er etwas daraus mache.

Es grüßt Sie herzlich,

Ihre Pfrn. Dorothea Schanz

Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.

(Februar 2020, 1.Kor 2,23)
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