Liebe Leserinnen und Leser,

auf der Suche nach einem Briefkasten in der Stadt Passau wurde ich schließlich fündig. Die Urlaubskarten an Verwandte und Freunde sollten schnellstmöglich auf den Weg. Erstaunt las ich am Brief-schlitz: „nur liebesbriefe“. Das hatte jemand origineller Weise auf den gelben Postkasten geklebt. War es ein Spaßvogel? Hat ein Utopist sich hier zu schaffen gemacht? Oder war es die Post selber?

Ich überflog noch einmal meine Zeilen: Waren es Liebesbotschaften, die ich versendete? Sprachen sie Zuneigung aus? Wenn meine Worte vielleicht nicht gerade poetisch waren, aber sie kamen von Herzen.

Ich schreibe auch in Zeiten von Email und Whatsapp gern einmal Briefe und Karten. Nicht nur im Urlaub. In Gedanken ist man bei dem Adressaten, widmet ihm ein wenig seiner Zeit, wählt Papier und Worte und legt seine Zuneigung in die Handschrift. Die Freude findet seinen Weg zum anderen oder ein Wort des Trostes. Auch Leid und Schmerz werden mitgeteilt und ein Stück verarbeitet. Wer den Brief erhält, fühlt sich persönlich verbunden, liest in der Geschichte des anderen mit, kann die Botschaft in Ruhe auf sich wirken lassen.

In Kästchen aufbewahrt, finden sich in unseren Häusern oder auf dem Speicher noch mancher Liebesbrief der verflosse- nen Jugendliebe, Gratulationskarten oder ein Stapel Kondolenzbriefe, der uns der Anteilnahme versichert.

In unserem Grundgesetz ist das Brief- geheimnis im Artikel 10 garantiert.

Es ist ein schützenswertes Grundrecht. Jeder, der eine Post verschickt oder empfängt, soll sichergehen dürfen, dass kein Dritter sich Zugang zu dessen Inhalt verschafft.

Der Apostel Paulus, der mit seinen Briefen (auf Griechisch „Epistel“) regen Kontakt zu den christlichen Gemeinden im Mittelmeerraum pflegte, empfiehlt jedoch für das christliche Leben genau das Gegenteil: Es soll kein Leben unter Verschluss sein, sondern ein Ausstrahlen in die Welt:

 „Ihr seid ein Brief Christi.

Es ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid – ein lebendiger Brief, geschrieben durch Gottes Geist.“  2. Kor 3,2-3

In den Auseinandersetzungen seiner Zeit ist die Gemeinde für Paulus das Empfehlungsschreiben Christi an die Welt. Bei aller Unvollkommenheit lässt sich an ihr etwas von der Botschaft des Evangeliums ablesen: Der Wille, Freud und Leid miteinander zu teilen, Gottes Stimme zu trauen und seinen Willen zu befolgen, in Christus Frieden zu finden, Verantwortung für Mitmensch und Schöpfung zu übernehmen.

Das ist kein frommer Wunsch für die Zukunft, sondern ein aufmunternder Zuspruch, immer wieder die Wege miteinander und zueinander zu suchen.

Unser „Gemeindebrief“ mag dazu ein kleiner Beitrag sein. Er zeigt Möglichkeiten der Begegnung auf und lädt ein, füreinander zu beten.

 

Geschwisterlich grüßt,

Ihre Pfrn. Dorothea Schanz